“Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott ausser dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.” Jes 63,19b
Der Mensch gilt als Gewohnheitstier.
Er kann sich an fast alles gewöhnen, auch an eine ungerechte Welt. Und genau das will der Prophet Jesaja nicht. Er schaut auf seine Welt und sagt nicht: „Ist halt so.“ Er sieht das Schwierige, das Unfertige, das Zerbrochene – und gerade deshalb hält er an Gott fest. Jesaja lebt im Exil, fern der Heimat, mit vielen Enttäuschungen im Herzen. Doch statt sich abzufinden, klagt er, hofft er, betet er. Er weigert sich, sich an Zustände zu gewöhnen, die nicht dem Leben entsprechen.
Und genau darin liegt seine Stärke. Jesaja durfte Gottes Handeln sehen, weil er nicht abgestumpft ist. Weil er die Sehnsucht nach Gottes Nähe nicht verloren hat. Weil er erwartete, dass Gott sich zeigt. Advent bedeutet für mich genau das: warten mit offenen Augen und wachem Herzen. Nicht resignieren, nicht innerlich kündigen, sondern darauf vertrauen, dass Gottes Herrlichkeit sichtbar wird.
Advent heisst für mich: Ich muss mich nicht an alles Schwere gewöhnen. Ich darf hoffen. Ich darf erwarten, dass Gott kommt. Dass er unser Leben heller macht, unser Herz weitet und uns neue Bilder schenkt von dem, was möglich ist. Wer wie Jesaja nicht aufhört zu hoffen, der darf sehen. Advent heisst: Gott kommt.
Seid behütet und gesegnet
Euer Pfarrer Michael Röll