Zeitgetrieben
Meine Zeit ist knapp. Ich stehe mit dem Auto an der Ampel. Sie wechselt von rot auf orange. Das Auto vor mir steht. Die Ampel wird grün. Das Auto vor mir steht. «Worauf wartest du?» Ich ertappe mich als ungeduldiger Autofahrer. Warum eigentlich? Die paar Sekunden machen keinen wesentlichen Unterschied. Trotzdem ärgere ich mich über trödelnde Autofahrer. Bin ich auf der Flucht? Jage ich der Zeit hinterher?
Tempo bestimmt unseren Alltag. Schneller zu sein kann den entscheidenden Vorteil bringen. — Plötzlich kommt der Tod. Eine junge Mutter stirbt, ein Kind, ein Arbeitskollege, eine Schwester, ein Elternteil. Erst gestern haben wir doch noch … Der Tod relativiert, was uns eben noch wichtig war.
Wir reden wenig über den Tod. Und doch scheint es, als müssten wir mit dem Tod im Nacken die bleibende Zeit unbedingt nutzen, auskosten, ausreizen. Bloss nichts verpassen! Wie wild arbeiten, im Hamsterrad drehen! Und das soll dann «Leben» sein.
Vielleicht wird es später einmal, im Rückblick auf unsere heutige Lebensweise, als der grosse Irrtum gewertet werden, dass wir uns erfülltes Leben nur denken können als eine Zeit, die mit möglichst vielen Erlebnissen angereichert ist.
Take good care!
Pfr. Harry Ratheiser